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vom Geist der Marienschule

Wir betreten die Marienschule und machen uns vergeblich auf die Suche nach ihrem Zentrum, – der Marienschule fehlt ein Ort, der sich in den Koordinaten der Raumerfahrung als ihre Mitte fixieren ließe.

Der architektonische Kraftpunkt von Schulen ist für gewöhnlich ihre Aula, weil sich hier die Schulgemeinde trifft, nicht nur, um im Rahmen verschiedenster Veranstaltungen aktiv zu werden, sondern auch um sich als Gemeinschaft erkennbar zu machen und sich als solche zu erfahren. Die Marienschule hat keine Aula. (Die Sporthalle ist, weil ihre unterrichtliche Nutzung den Raum im Alltag in einen anderen Kontext verlegt, nicht als solche zu markieren, und eine alternative identitätstaugliche Stelle lässt sich nirgends ausmachen). Die Marienschule hat also keinen spezifischen Ort, an dem sie für sich und für andere sie selbst wäre.

Auch in der Dimension der Zeit gewinnt das Verlangen, das, was die Marienschule ihrem Wesen nach ist, zu benennen, keinen festen Halt:

Die Menschen, die in der Marienschule lernen und lehren kommen und gehen. Und trotz personenbezogener Kontinuitäten, die der Geschichte (mit) der Marienschule Gesichter verleihen, ist der Wechsel von Schülern und Lehrern (und auch Eltern) – wie in jeder Schule – das eigentlich Beständige.

Fragen wir dennoch danach, was die Marienschule, die auf die oben beschriebene Weise räumlich ohne Zentrum und zeitlich haltlos erscheint, sei, dann berufen sich die, die sie kennen, auf ihren besonderen Geist. Fragen wir weiter, was dieser Geist sei, bleibt die Antwort gerade von denen, die ihn als das Ureigenste, das Proprium der Marienschule veranschlagen, aus. In der Definition dieses Geistes tut sich der, der ihn für die Marienschule reklamiert, bis zur Wortlosigkeit schwer.

In der dreifachen Offenheit der Frage nach der Marienschule und ihrer Identität liegt aber vielleicht eben ihr Wesentliches zugleich offen zutage. In der Frage nach ihrem Ort, nach ihrer Zeit, nach ihrem Geist öffnet sich die Frage in ihrer scheinbaren Unbeantwortbarkeit um sich selbst. Die Frage erscheint dann als Modus einer möglichen Antwort: Das Fragen verrät in sich den Ort, die Zeit und den Geist der Marienschule – auf andere Weise, als gedacht: Wo, wann und als was wird die Marienschule identifizierbar? – Wenn sie sich die Frage nach sich selbst stellt, nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, nicht an einer bestimmten Stelle, nicht, um sich zu definieren, sondern in der Entgrenzung ihrer Frage hin zur örtlichen Ungebundenheit, hin zum zeitlich Unverhaftbaren, hin zum Definitionslosen – d.h.: überall, alltäglich, offen – dann wird das Wesentliche der Marienschule zumal im Umschlagen des Fragens wesentlich: Wo begegne ich der Frage nach der Identität der Marienschule selbst? Da, wo ich sie stelle. Die Bedeutung der Frage ist mithin gleichsam ihr Gebrauch im Alltag und überall.

In der Schule, als Lebensraum aber kann das nur da sein, wo und wenn Menschen sich begegnen: Dieses Begegnen von Menschen ist also in die Frage allenthalben je neu und aktuell und konkret zu stellen: Lässt eine konkrete Begegnung hier und jetzt das erfahren, um das es der Marienschule geht? Die Frage wird so zum Rahmen der Begegnung mit dem anderen Menschen.

Die Frage bliebe aber formal, blickte sie nicht über sich hinaus. Und hier geht der Blick – von der Gründung und dem Träger der Marienschule, den Ursulinen der Kongregation Calvarienberg Ahrweiler, angeregt – ins Christliche.

Der Blick der Frage in der alltäglichen Begegnung richtet sich aus auf die Offenheit des Geistes des über alle Maßen begegnungsfähigen Jesus von Nazareth. In seiner wirkweiten Ungebundenheit an Ort und Zeit, in der wortlos staunen machenden Offenheit seines Geistes für Mensch und Gott zeigt sich uns die Frage nach dem Wesentlichen christlich scharf gestellt und wird zugleich zur Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Marienschule:

Da, wo ich im handlungsanweisenden Maßstab die Frage stelle, ob ich in meinen Begegnungen mit anderen als Christ erfahrbar bin, ist zugleich der Ort, die Zeit und der Geist der Marienschule identifizierbar.

Die zunächst so sonderbar zentrumlos anmutende Marienschule hat ihren Ort also nicht in ihrer Gebäudemitte (und das Fehlen einer Aula bildet ebendies symbolisch ab), sondern im Plural der christlichen Begegnungen. Begegnungen sind ihre Orte, und so wie auch Jesus von Nazareth keine Zentrale hatte, in der er Menschen empfing, keinen Mittelpunkt, zu dem er Menschen kommen ließ, sondern vielmehr zu den Menschen ging, um ihnen zu begegnen, so haben auch die Menschen, die in der Marienschule alltäglich leben (und damit auch die Marienschule selbst) keinen einzelnen Ort ihrer Identität, sondern viele Orte. Diese Orte sind die Begegnungen, die in die Frage nach ihrer Christlichkeit (hinein)gestellt werden.

Nehmen wir die Frage ernst, und nimmt sie uns in ihrer ethischen Schärfe nicht nur punktuell, sondern kontinuierlich in Anspruch, muss sie also ein über den Zeitenwechsel hinaus gehendes Tempus und einen den einen Ort überschreitenden ethischen Raum eröffnen, – dann bezieht die Frage in ihrem Anspruch Aufforderungscharakter und verwandelt sich so in einen Imperativ:

Handle so, als sei jede Begegnung eine, die dich als Christ verlangt, und eine, in der du als Christ für andere erfahrbar wirst.

Dieser Satz – ein zugegeben pathetischer Imperativ, weil er noch die kleinste zwischenmenschliche Situation in Identitätsdimensionen rückt, – ermisst die eigentliche Topographie der Selbstvermittlung der Marienschule und das, worum es ihr geht.

Stellen wir uns aber die Frage und stellen wir uns diesem Imperativ im Alltag tatsächlich? Gewiss nicht immer, sicherlich stets zu selten – aber im Fragen- und Seinsollen steckt ein Bewusstsein vom Wesentlichen und damit auch vom Wesen unserer Schule.

Dieses Bewusstsein entfaltet eigene Wirklichkeiten (in) der Marienschule – und wenn es die Wirklichkeiten einer christlichen U-topie (Nicht-Ort) wären:

Niemals eingelöst, immer nur versucht, ohne den einen Ort, ohne die eine Zeit, ihre Orte und Zeiten in Begegnungen mit Anderen suchend – die Frage nach dem Ganz Anderen und seiner Zeit und seinem Ort im Geist.

Dr. Ansgar Maria Hoff